Entwicklungsabweichungen

 

Seit die neuen Richtlinien zur Heilmittelverordnung gelten, bedeutet die Diagnosestellung in der Verordnung nunmehr zwingend differenzierte Angaben als bisher hin und wieder vereinzelt zu lesen war: Begriffe wie "Entwicklungsverzögerung", "Entwicklungsstörung" oder die sog. "minimale zerebrale Dysfunktion (MCD)" mit allen ihren verwandten Formulierungen reichen hier nicht mehr aus.

Man ging lange Zeit davon aus (und diese Annahmen entstanden bis in die 40´er Jahre), daß analog zur infantilen Zerebralparese (ICP) primäre Verhaltensauffälligkeiten, die sich überwiegend erst im Kindergartenalter (anamnestisch manchmal bis ins Kleinkindesalter zurückverfolgbar) manifestierten, unbedingt auf eine perinatale Hirnschädigung schließen lassen. So entstand der Begriff der MCD (oder MBD = minimal brain dysfunction /damage) als eine abgeschwächte Form der CP und erklärte Phänomene wie z.B. die des "ungeschickten Kindes (Clumsy-child-syndrome)" . Heute wird ätiologisch das Konzept der "MCD" angezweifelt, da z.B. Frühgeburtlichkeit, die minimale Formen einer CP prädisponieren kann, nicht ausschließlich als Ursache socher Verhaltensauffälligkeiten gesehen werden darf. Faktoren wie genetische Dispositionen, Störungen im Hirnstoffwechsel, einverleibte Toxine (Nahrungszusätze, Medikamente, individuelle Umwelteinflüsse wie z.B. Bauchemie, ständige Verwendung von bestimmten Lösungsmitteln im heimischen Bereich) sind ätiologisch mitzuberücksichtigen.

Phänomenologisch ging man daran, Syndrome zu beschreiben, wie z.B. "ADS = Aufmerksamkeits- Defizit-Syndrom" , "ADHS = Aufmerksamkeits- Defizit- Hyperaktivitäts-Syndrom" , das "HKS = hyperkinetisches Syndrom" oder das "frühkindliche psychoorganische Syndrom (POS).

Unumgänglich ist zur Förderung des betroffenen Kindes die Erkenntnis und die Auseinandersetzung mit vorliegenden Einzelstörungen, die sich wie folgt beschreiben lassen:

 

Motorische Auffälligkeiten

Sie betreffen die Koordination komplexer fein/motorischer Abläufe. Die Störung wird hier in der Integration von Zentren wie Kleinhirn, Pyramidenbahn und extrapyramidales System gesehen, also die Beeinträchtigung eben diese Integration verwaltender komplexen Hirnleistungen.

- körperliche Ungeschicklichkeit

- deutliche assoziierte Bewegungen

- auffällige Ausdrucksform der Bewegung (ungebremst, überschießend, eckig, bizarr, ungeschickt)

In der Folge zeigen sich Probleme bei der Raumorientierung, Rechts-Links-Problematik und Schwierigkeiten bei der Abschätzung von Größenverhältnissen. Daraus resultiert schließlich ein gestörtes Körperschema.

 

Hyperaktivität

Beschrieben wird sie durch unangemessenem Überschuß an motorischen Bewegungen, mangelnde Impulskontrolle, Aufmerksamkeitsstörungen und herabgesetzter Fähigkeit zu emotionaler Hemmung.

Zur ätiologischen Abklärung muß hier differenziert werden:

endogen determiniert : primär gestörte Reizschwelle, gestörte Impulskontrolle, Aufmerksamkeits-, Lern- und Verhaltensstörungen. Diese Pänomene sind unabhängig von sozialen und familiären Spannungsfeldern zu betrachten, eine genetische Disposition sollte nicht ausgeschlossen werden. Von größter Wichtigkeit ist hier eine interdisziplinäre Abklärung (dies ist aufwendig und deshalb bedauerlicherweise nicht die Regel)!

exogen determiniert : Ursachen wie permanente intellektuelle Überforderung, Deprivation (soziale Verwahrlosung), chaotische, unstrukturierte Erziehungspraktiken, ständige Reizüberflutung zwingen zu hyperaktiven Reaktionsmustern.

Allzuhäufig wird einseitig mit Medikamenten zentral stimuliert. Amphetamine wie "Ritalin" (Methylphenidat) schaffen das ruhige Kind durch Einengung der Emotionalität, wirken also hemmend und bedeuten die Gefahr einer emotionalen Verarmung der Persönlichkeit. Darüberhinaus ist Suchtverhalten nicht auszuschließen. Das Längenwachstum kann negativ beeinflusst werden. Psychosen in Verbindung mit Halluzinationen können ausgelöst werden (vgl. Lensing-Hebben, 1989: Taylor 1987: Millner,1990). Die Wirkung von solchen Psychopharmaka ist in jedem Falle kurzfristiger Natur (i.d.R. bis zu 2 Stunden), d.h., die "Dröhnung" führt nie zu einer langfristigen Beeinflussung angezeigter Störungen. Das Absetzen solcher Medikamente sollte, je nach verordneter Dosierung, ein Ausschleichen sein, da Entzugsphänomene grundsätzlich nicht auszuschließen sind. 

 

 

Verkürzte Aufmerksamkeitsspanne

Dies ist eine altersabhängige höhere Hirnfunktion, die vereinzelt verzögert ausreift. In diesen Fällen haben die betroffenen Kinder Schwierigkeiten im visuellen und/oder taktil-kinästhetischen Bereich und können dort nicht aufmerksam bleiben. Sie müssen sich viel mehr anstrengen als andere Kinder und ermüden schneller. Wissenslücken werden entsprechend kompensiert (ausweichen , phantasieren), beruhen allerdings keineswegs auf verminderte Gedächtnisleistung.

 

Störung der Reizschwelle

Erniedrigung der Reizschwelle. Das betroffene Kind nimmt äußere Sinnesreize ungebremst, ungefiltert auf und empfindet die empfangenen Reize als zu grell, zu laut, zu intensiv.

 

Verminderung der Kanalkapazität

Bei manchen Kindern ist bei intensiver Öffnung eines Sinnes-"Kanals" (z.B. Gehörsinn) der Input eines anderen über das normale Maß hinaus extrem reduziert. Komplexe, mehrdimensionale Aufgabenstellungen können nur schwer oder überhaupt nicht gelöst werden.Bei der Ausrichtung auf ein Problem wird das andere schlichtweg vergessen. Diese Störung darf nicht mit verminderter Intelligenz gleichgesetzt werden.

 

Störung der Form-Hintergrund-Wahrnehmung

Bei einer solchen Störung kann das Kind z.B. im akustischen Bereich nur schwer Prioritäten setzen, unwichtige Sinnesreize können nicht ausgeschaltet werden, Störgeräusche werden nicht herausgefiltert. Im visuellen Bereich kommt es hier z.B. zu einer mangelhaften Gestalterfassung. Kurz: Die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden ist gestört. Dadurch wirkt das Kind auf andere befremdlich, mit einer ganz anderen Sicht der Dinge.

 

Gestörte Diskrimimationsfähigkeit

Bei der Perzeption von der Gestik, Mimik und Sprachmelodie eines Gegenübers kommt es bei dem betroffenen Kind zu der Unsicherheit, geringe Unterschiede wahrzunehmen und die entsprechenden Botschaften und Absichten des Anderen zu deuten. Auch Distanzlosigkeit kann entstehen, da das Kind eine eigene "Aufdringlichkeit" nicht realisieren kann. Den betroffenen Kindern fällt es schwer, Sicherheit und Geborgenheit zu erleben.

 

Intermodulare Störung

Um neue Qualitäten einer Erfahrung kennen zu lernen, muß ein Kind zunächt in einzelnen Sinnesgebieten (Modalitäten) Erfahrungen sammeln, um diese schließlich untereinander auszutauschen, z.B. Hand-Augen-Koordination (visuelle + taktile Modalität). Dem betroffenen Kind fällt es schwer, Gehörtes oder Gesehenes, motorisch oder feinmotorisch umzusetzen und zu reproduzieren (z.B. zeichnen). Später folgt schließlich die Schwierigkeit, Erfahrungen aus einem Lebensbereich auf einen anderen zu übertragen und anzuwenden.

 

Seriale Störung

Stimuli, die in einer bestimmten zeitlichen Abfolge eintreffen, werden zu einem Ganzen integriert, dies nent man seriale Leistung. Bei einer Störung derselben werden bei der Ausführung oder Reproduktion von Handlungsabläufen Teile vertauscht oder weggelassen. Es entsteht hier der Eindruck einer Ungeschicklichkeit (feinmotorisch/logisch), schließlich kann auch der logische Zusammenhang zwischen eigener Handlung und der daraus resultierenden Wirkung nur schwer erkannt werden.

 

 http://www.physiopaed.de/Entwicklungsabweichungen.htm

 

 

Dyspraxie

Das Wort "Dyspraxie" setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: Dys stammt aus dem lateinischen "nicht einfach" oder "Schwierigkeiten mit", and praxis aus dem griechischen, mit der Bedeutung "Handlung" oder "Übung". Es ist ein Ausdruck um die Schwierigkeiten mit der Ausführung kontrollierter, willkürlicher Handlungen zu beschreiben. Damit wird eine Bewegungsstörung bezeichnet, die die Fähigkeit gezielte Handlungen auszuführen, beeinträchtigt.

Dyspraxie, sowie die vorhergehende Beschreibung "unbeholfenes Kind", wird manchmal benutzt um Kinder zusammenzufassen, die ähnliche Symptome unterschiedlicher Ursache teilen. Die Diagnose Dyspraxie wird meist durch einen Arzt, Psychologen oder Physiotherapeuten gestellt.

Kontrollierte Bewegungen beeinträchtigen viele Bereiche, aber drei Systeme sind hauptsächlich beteiligt:

  1. Sensorische Wahrnehmung
  2. Motorisches System
  3. Zentrale Wahrnehmung im Ganzen

Jedes dieser drei könnte für die vorliegenden Symptome verantwortlich sein. Die Identifizierung des hauptsächlichen beteiligten Bereiches ist daher sehr wichtig für die Auswahl der angemessenen Behandlung.

Ein Kind mit geringer sensorischer Wahrnehmung wird gut auf Verfahren reagieren, die sich auf Training der entsprechenden Sinne konzentrieren.

Dies könnte durch Stimulation eines der Sinne geschehen, z.B. Berührungsstimulation oder Hörverarbeitungstraining bei Kindern, die in diesen Bereichen über- oder unterempfindlich sind, oder durch speziellen Bewegungsprogramme die die Sensorische Integration insgesamt verbessern.

Falls eine Ansammlung frühkindlicher Reflexe vorhanden ist, wird dieses die Entwicklung der Automatisierung des Gleichgewichts oder der motorischen Fähigkeiten beeinträchtigen. Ein Reflexanregungs- und Hemmungsprogramm kann helfen, eine solide Basis für die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten zu legen und so das Gleichgewichtssystem, die Koordination und das Selbstvertrauen zu verbessern.

 

Nähere Informationen zu Entwicklungsabweichungen und verhaltensauffälligkeiten erhalten Sie auch im Praxisbuch Sozialpädagogik Band 3 im Kapitel Integration verhaltensauffälliger Kinder in Regelgruppen.

 

 

                                                             

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